Wirkmechanismen und Evidenzlage

Diese Seite ist für Kolleginnen und Kollegen, die es genauer wissen wollen. Ich stelle die Datenlage so dar, wie sie ist — auch dort, wo sie gegen mich spricht.

Was ich mache

Ich behandle mit Akupunktur, befundorientiert statt nach Schema, mit Schwerpunkt auf Schmerzen des Bewegungsapparats und neurologischen Beschwerdebildern.

Warum Akupunktur zumindest teilweise Neuromodulation ist

Die Frage ist nicht, ob Nadelung neuromodulatorisch wirkt, sondern wie viel des klinischen Effekts sich damit erklärt.

Definitorisch. Eine Nadel im Muskel erzeugt afferenten Input über Gruppe-III- und Gruppe-IV-Muskelafferenzen; das charakteristische Deqi-Gefühl entspricht der Aktivierung genau dieser Faserklassen. Wird über die Nadel Strom appliziert, werden Nervenfasern direkt depolarisiert — physiologisch unterscheidet sich das nicht von anderen Formen perkutaner Stimulation, ausser dass der Hautwiderstand umgangen wird und geringe Stromstärken genügen.

Fernwirkung. In der Karpaltunnel-Studie im Brain verbesserte die Stimulation von Punkten am kontralateralen Unterschenkel die Nervenleitung des N. medianus ebenso wie die lokale Behandlung am Handgelenk. Ein rein lokaler, mechanischer oder perineuraler Effekt kann das nicht erklären — es verlangt eine zentralnervöse Vermittlung.

Opioiderge Beteiligung. Eine PET-Untersuchung mit ¹¹C-Carfentanil fand unter Verum-Akupunktur eine Zunahme der Bindungspotenz am μ-Opioidrezeptor in Cingulum, Insula, Thalamus und Amygdala, unter Scheinakupunktur dagegen leichte Abnahmen. Die Stichprobe war klein, der Unterschied betrifft aber genau die Systeme, über die endogene Analgesie läuft.

Harris RE et al. Neuroimage 2009;47(3):1077–1085

Orts- und Intensitätsabhängigkeit. Im Mausmodell aktiviert niederintensive Stimulation an einem Punkt am Hinterlauf die vagal-adrenale Achse, höhere Intensität dagegen spinal-sympathische Bahnen — an einem abdominellen Punkt tritt der erste Effekt nicht auf. Verantwortlich sind molekular definierte sensorische Neurone, die die tiefe Faszie innervieren. Das ist die bislang präziseste anatomische Grundlage für Punkt- und Intensitätsspezifität, allerdings am Tier und für Entzündung, nicht für Schmerz.

Liu S et al. Nature 2021;598:641–645

Was das nicht zeigt: dass die klassische Punktlehre in ihrer überlieferten Form zutrifft, und dass die Mechanismen die Grösse des klinischen Effekts erklären. Zwischen belegtem Mechanismus und belegter Wirksamkeit liegt eine Lücke, die ich hier nicht schliessen kann.

Was am Menschen gezeigt ist

Die aussagekräftigste Arbeit stammt aus dem Brain: eine verblindete, sham-kontrollierte Studie mit 79 randomisierten Patienten mit Karpaltunnelsyndrom. Unter Elektroakupunktur verkürzte sich die sensible Latenz des N. medianus gegenüber Sham (−0,16 ms, p = 0,02), und im somatosensorischen Kortex liess sich eine Reorganisation der Fingerrepräsentation messen, die mit dem Symptomverlauf nach drei Monaten korrelierte (r = −0,48).

Der Vollständigkeit halber: Zum Ende der Behandlungsserie unterschieden sich Verum und Sham symptomatisch nicht (p = 0,92); der Unterschied zeigte sich erst nach drei Monaten. Die Studie ist bislang nicht unabhängig repliziert.

Maeda Y et al. Rewiring the primary somatosensory cortex in carpal tunnel syndrome with acupuncture. Brain 2017;140(4):914–927

Abgrenzung zum Dry Needling

Eine randomisierte Studie mit 90 Patienten verglich drei Verfahren beim myofaszialen Schmerzsyndrom des Trapezius: Dry Needling der Triggerpunkte, intramuskuläre Elektrostimulation der Triggerpunkte, und Elektrostimulation an Motorpunkten beziehungsweise am N. accessorius. Der dritte Arm war dem Dry Needling überlegen (0,98 VAS-Punkte, p = 0,012) — der zweite dagegen nicht. Der Unterschied lag an der Zielstruktur, nicht am Strom.

Moro MZ et al. Acupunct Med 2024;42(1):3–13

Für das häufig angeführte Argument der Behandlererfahrung gibt es dagegen keine Evidenz: Die grösste Individualdaten-Metaanalyse (17 922 Patienten) fand keinen Zusammenhang zwischen Ausbildungsdauer oder Erfahrung und Behandlungseffekt.

MacPherson H et al. PLoS One 2013;8(10):e77438

Wirksamkeit nach Indikation

Migräneprophylaxe gut belegt. Cochrane 2016, 22 Studien, 4985 Patienten. Ansprechen 41 % gegenüber 17 % ohne Akupunktur (NNT 4), gegenüber Scheinakupunktur 50 % zu 41 % (NNT 11). NICE nennt Akupunktur als Option nach Versagen von Propranolol, Topiramat und Amitriptylin.
Spannungskopfschmerz moderat. Cochrane 2016, 12 Studien. Gegenüber Routineversorgung deutlich, gegenüber Schein knapp (51 % zu 43 %). NICE nennt bis zu zehn Sitzungen als Option.
Chronischer Kreuzschmerz grosse Datenmenge, kleiner spezifischer Effekt. Cochrane 2020, 33 Studien, 8270 Patienten. Gegenüber Schein unter der Relevanzschwelle. Das American College of Physicians führt Akupunktur als nichtmedikamentöse Erstlinienoption, NICE rät in seiner Kreuzschmerz-Leitlinie ab.
Nackenschmerz unklar. Der Cochrane-Review wurde 2016 zurückgezogen, ein gleichwertiger Ersatz fehlt.
Karpaltunnelsyndrom klinisch schwach. Cochrane 2018: kurzfristig wenig oder kein Effekt gegenüber Schein. Die neurophysiologischen Befunde oben sind das Interessantere.
Knie-Arthrose negativ. NICE empfiehlt seit 2022 ausdrücklich, Akupunktur bei Arthrose nicht anzubieten.

Sicherheit

Der am besten belegte Punkt. Bei 229 230 prospektiv erfassten Patienten trat bei 8,6 Prozent mindestens eine unerwünschte Wirkung auf, überwiegend Hämatome. Schwerwiegende Ereignisse liegen nach Auswertung von über einer Million Behandlungen in der Grössenordnung von 0,05 pro 10 000 Behandlungen.

Witt CM et al. Forsch Komplementmed 2009;16(2):91–97 · White A. Acupunct Med 2004;22(3):122–133

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